Wer durch die Innenstadt Frankfurts läuft und die Alte Oper das erste Mal sieht, versteht sofort, warum die Frankfurter so an ihr hängen. Das Gebäude am Opernplatz ist keine Oper mehr im klassischen Sinne, aber es ist weit mehr als nur ein Konzerthaus – es ist ein Symbol für den Willen einer Stadt, nach Zerstörung und Wiedergeburt das Beste aus sich zu machen. Die Fassade aus Sandstein, die mächtigen Säulen und die breite Freitreppe vermitteln auch heute noch den Anspruch eines Repräsentationsbaus, der für die Ewigkeit gedacht war. Und tatsächlich hat sich dieser Anspruch gegen alle Widrigkeiten behauptet.
Einweihung unter Kaiser Wilhelm I.
Die Alte Oper wurde am 20. Oktober 1880 feierlich eröffnet, im Beisein von Kaiser Wilhelm I. Entworfen hatte sie der Berliner Architekt Richard Lucae im Stil der italienischen Neorenaissance. Das Haus galt sofort als eines der schönsten Operngebäude im deutschsprachigen Raum. Über dem Portal steht noch heute der Schriftzug „Dem Wahren Schönen Guten“ – ein Anspruch, der das Haus bis heute begleitet. Lucae selbst erlebte die Eröffnung nicht mehr: Er starb 1877, drei Jahre vor der Fertigstellung. Sein Entwurf wurde von anderen Architekten zu Ende geführt, blieb in seiner Substanz jedoch seinem ursprünglichen Willen treu. Die Akustik des großen Saals galt von Anfang an als herausragend, und die Ausstattung – Stuck, Kronleuchter, Parkett – setzte Maßstäbe im kaiserlichen Deutschland.
Krieg, Ruine und ein langer Kampf um den Wiederaufbau
Im März 1944 zerstörten Bombenangriffe das Opernhaus fast vollständig. Nur die Außenmauern blieben stehen. Jahrzehntelang stand die Ruine im Stadtbild – ein Mahnmal und gleichzeitig ein Streitobjekt. In den 1960er und 1970er Jahren wurde ernsthaft diskutiert, ob man das Gelände abreißen und anderweitig nutzen sollte. Die Frankfurter entschieden sich dagegen. Bürgerinnen und Bürger sammelten Geld, der Wiederaufbau wurde zum Stadtprojekt. Am 28. August 1981, nach aufwendiger Rekonstruktion, wurde die Alte Oper als Konzert- und Kongresshaus wiedereröffnet – mit Mahlers Achter Sinfonie unter Dirigent Michael Gielen. Der Wiederaufbau kostete rund 168 Millionen D-Mark und dauerte mehrere Jahre. Dabei wurde der Innenraum nicht historisch exakt rekonstruiert, sondern für die neue Nutzung als Konzerthaus optimiert. Die Außenfassade hingegen wurde so originalgetreu wie möglich wiederhergestellt – ein Kompromiss, der bis heute von manchem Denkmalschützer kritisch betrachtet wird, der dem Haus aber seinen unverwechselbaren Charakter erhalten hat.
Der Opernplatz und der Lucae-Brunnen
Der Opernplatz vor dem Gebäude ist einer der beliebtesten Treffpunkte Frankfurts. Im Sommer sitzt hier halb Frankfurt auf den Stufen, isst Eis oder trinkt Kaffee aus den umliegenden Cafés. Der Lucae-Brunnen, benannt nach dem Architekten des Gebäudes, steht mittig auf dem Platz und ist ein beliebter Fotopunkt. Abends verwandelt sich der Platz bei Veranstaltungen, Weihnachtsmarkt und Stadtfesten in einen Treffpunkt für Tausende. Besonders im Sommer, wenn die Fressgass und die Anlage rund um den Platz von Außengastronomie belebt werden, spürt man, wie sehr dieser Ort zum öffentlichen Leben der Stadt gehört. Der Platz wurde mehrfach umgestaltet und bietet heute großzügige Flächen für Freiluftveranstaltungen, die regelmäßig genutzt werden – von Open-Air-Konzerten bis zu Filmvorführungen.
Das heutige Programm – klassisch und zeitgenössisch
Die Alte Oper ist heute ein führendes Konzerthaus, das klassische Musik, Jazz, Pop und internationale Gastspiele unter einem Dach versammelt. Das Programm ist bewusst breit: Symphoniekonzerte großer Orchester wechseln sich ab mit Kammermusikabenden, Jazzfestivals und Sonderveranstaltungen. Das HR-Sinfonieorchester, die hr-Bigband und internationale Gastorchester treten regelmäßig auf. Auch Lesungen, Podiumsdiskussionen und Kinder- und Jugendprogramme finden hier statt. Das Haus verfügt über mehrere Säle unterschiedlicher Größe: Der große Saal fasst rund 2.500 Besucher, der Mozart-Saal bietet Platz für kleinere Kammerkonzerte, und der Empfangssaal wird für exklusive Veranstaltungen genutzt. Die Spielzeit umfasst Hunderte von Einzelveranstaltungen pro Jahr und zieht ein Publikum aus der gesamten Rhein-Main-Region an. Wer das erste Mal im großen Saal sitzt und die Deckenornamentik auf sich wirken lässt, versteht, warum Konzertbesucher immer wieder in dieses Haus zurückkehren.
Tipps für deinen Besuch
- Tickets kaufst du am besten direkt über die Website der Alten Oper – beliebte Konzerte sind schnell ausverkauft.
- Das Foyer ist auch ohne Ticket zugänglich und einen Blick wert: die Treppenhäuser und das historische Interieur sind beeindruckend.
- Vor Konzerten lohnt sich ein Abendessen in der Fressgass oder am Opernplatz – beides ist fußläufig.
- Mit der U-Bahn (Alte Oper, Linie U6/U7) oder der S-Bahn (Hauptwache) kommst du problemlos hin.
- Das Parkhaus am Opernplatz bietet Stellplätze, ist aber teuer – öffentliche Verkehrsmittel sind sinnvoller.
- Führungen durch das Haus werden regelmäßig angeboten und geben Einblicke hinter die Kulissen, die beim normalen Konzertbesuch verborgen bleiben.
Warum die Alte Oper mehr als ein Konzertsaal ist
In Frankfurt spricht man von der Alten Oper oft mit einem Ton, der über bloße Architektur hinausgeht. Der Wiederaufbau war kein städtebauliches Projekt, sondern eine kulturelle Haltung. Das Gebäude steht dafür, dass Frankfurt trotz aller Moderne seinen historischen Kern nicht aufgibt. Die Entscheidung, das Haus wieder aufzubauen, fiel in einer Zeit, als viele Städte in Deutschland mit dem Abriss von Kriegsruinen nicht zögerten. Frankfurt hat hier einen anderen Weg gewählt – einen Weg, der das kollektive Gedächtnis der Stadt bewahrt und gleichzeitig einen lebendigen Ort der Kultur geschaffen hat. Wenn du einmal bei einem Konzert im großen Saal sitzt und die Akustik auf dich wirken lässt, verstehst du, warum diese Mauern erhalten wurden.
Ob du klassische Musik liebst oder nicht – die Alte Oper ist ein Ort, den man in Frankfurt einmal erlebt haben sollte. Der Platz davor gehört ohnehin zum Stadtleben, und das Haus selbst erzählt eine Geschichte, die Frankfurt-Besucher und Einheimische gleichermaßen bewegt. Wer Frankfurt wirklich kennenlernen möchte, kommt an diesem Ort nicht vorbei.