Was ist eigentlich Apfelwein?
Apfelwein – in Frankfurt liebevoll „Stöffche“ oder „Äppler“ genannt – ist weit mehr als nur ein Getränk. Er ist Kulturgut, Identitätsstiftung und sozialer Kitt in einem. Hergestellt aus vergorenem Apfelsaft, ist er herb, spritzig und hat in seiner klassischen Form einen Alkoholgehalt von etwa fünf bis sechs Prozent. Was ihn von Cidre unterscheidet? Vor allem das Selbstverständnis: Apfelwein ist kein trendiges Craft-Produkt, sondern ein ehrliches Volksgetränk mit Jahrhunderten an Geschichte.
Serviert wird er stets in einem gerippten Glas – dem „Gerippten“ –, dessen charakteristisches Rautenmuster nicht nur hübsch aussieht, sondern auch dafür sorgt, dass das von Natur aus trübe Getränk im Licht funkelt. Der Bembel, der blaugrau glasierte Tontopf, aus dem eingeschenkt wird, ist das ikonische Symbol der Frankfurter Apfelweinkultur und auf jedem Tisch in einem echten Stöffche-Lokal zu finden.
Tradition und Etikette am Tisch
In einem echten Frankfurter Apfelweinlokal gibt es ungeschriebene Regeln, die man kennen sollte. Wer sich daran hält, wird als Gast respektiert; wer sie ignoriert, fällt höflich, aber bestimmt auf.
- Man prostet sich zu, schaut sich dabei in die Augen – das gehört dazu
- Den Bembel lässt man auf dem Tisch stehen und schüttet nicht aktiv ein – das macht der Kellner oder die Kellnerin
- Das Gerippte wird am besten mit der ganzen Hand umfasst, nicht am Stiel gehalten
- „Zum Wohl“ oder einfach „Wohl“ sind die gängigen Trinksprüche
- Wasser zum Stöffche ist nicht verboten, aber echte Kenner trinken es pur
Handkäs mit Musik und Grüne Soße
Apfelwein ist ohne die passende Küche kaum denkbar. Der klassischste Begleiter ist Handkäs mit Musik – ein saurer, fettarmer Käse, der in Essig und Öl mariniert und mit Zwiebeln belegt serviert wird. Der Name „mit Musik“ leitet sich davon ab, dass die Zwiebeln eine gewisse, nun ja, verdauungsaktive Wirkung entfalten. Wer das nicht weiß, bestellt ihn trotzdem – er ist schlicht großartig.
Die Grüne Soße, auf Frankfurterisch „Grie Soß“, ist ebenfalls ein Muss. Diese kalte Kräutersoße aus sieben Kräutern – Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch – wird zu Eiern, Kartoffeln oder Fleisch gereicht und ist so typisch für Frankfurt, dass sie seit 2016 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes eingetragen ist.
Die schönsten Lokale in Sachsenhausen
Alt-Sachsenhausen ist das historische Herz der Frankfurter Apfelweinkultur. In den engen Gassen rund um die Paradiesgasse reihen sich die Lokale aneinander, viele davon seit Generationen in Familienbesitz. Der Charme ist unverfälscht: Holztische, Bänke, kaum Schnickschnack, dafür umso mehr Atmosphäre. Wer an einem Sommerabend in einem der Außenbereiche sitzt, das Glas in der Hand und die Gespräche der Nachbartische im Ohr, versteht sofort, warum Frankfurt diese Tradition so liebt.
Sachsenhausen ist dabei nicht nur eine Adresse für Touristen. Auch die Einheimischen kommen hier regelmäßig her – zum Feierabendstöffche, zum Sonntagsfrühschoppen oder für den langen Abend mit Freunden. Das ist der beste Beweis für die Echtheit des Viertels.
Bornheim und Nordend: Die geheimen Favoriten
Wer Apfelwein abseits der touristischen Hauptrouten erleben will, sollte sich nach Bornheim oder ins Nordend aufmachen. Hier finden sich einige der ältesten und gemütlichsten Lokale der Stadt, die von Stammgästen bevölkert werden, die seit Jahren denselben Tisch für sich beanspruchen.
- In Bornheim gibt es traditionelle Wirtschaften mit langen Öffnungszeiten und gutem Essen
- Das Nordend punktet mit einer entspannteren Atmosphäre und oft etwas jüngerer Kundschaft
- Viele dieser Lokale sind kaum online zu finden – man entdeckt sie beim Schlendern
- Stammgastkultur ist hier keine Nostalgie, sondern gelebter Alltag
Der richtige Moment für Apfelwein
Apfelwein geht zu jeder Tageszeit – zum Mittagessen am Sonntag genauso wie zum späten Abend unter der Woche. Sein herber Geschmack passt zu kräftiger Hausmannskost ebenso wie zu einem leichten Salat. Besonders schön ist er im Sommer in einem Außengarten, aber auch im Winter in einer warmen Wirtschaft hat er seinen ganz eigenen Zauber.
Wer Frankfurt besucht, sollte sich mindestens einen echten Apfelweinabend einplanen. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als echtes Erlebnis – denn kaum etwas bringt einen näher an die Seele dieser Stadt als ein Geripptes Stöffche und gute Gesellschaft.