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Neue Altstadt: Das rekonstruierte Dom-Römer-Areal

Im Mai 2018 öffnete Frankfurts Neue Altstadt: 35 Häuser auf 7.000 Quadratmetern zwischen Dom und Römerberg, darunter 15 Rekonstruktionen historischer Fachwerkhäuser, verwandelten eine Jahrzehnte alte Baulücke in ein lebendiges Stadtviertel.

Neue Altstadt: Das rekonstruierte Dom-Römer-Areal – Frankfurt-Stadtleben

Wie die Neue Altstadt entstand

Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 2018 klaffte im Herzen Frankfurts eine städtebauliche Lücke: Das Areal zwischen Dom, Römerberg und Schirn war nach Kriegszerstörung durch ein ungeliebtes Technisches Rathaus bebaut worden. 2010 beschloss die Stadt Frankfurt, dieses Gebäude abzureißen und an seiner Stelle eine rekonstruierte Altstadt zu errichten. Von 2012 bis 2018 entstanden auf rund 7.000 Quadratmetern 35 neue Stadthäuser. Der politische Beschluss war nicht unumstritten: Stadtplanerinnen und Architekten diskutierten intensiv, ob eine Rekonstruktion die ehrlichere städtebauliche Antwort sei als ein zeitgenössischer Entwurf. Am Ende setzte sich der Wille der Stadtgesellschaft durch, einen fühlbaren Bezug zur vormodernen Silhouette Frankfurts wiederherzustellen. Das Technische Rathaus, das dem Projekt weichen musste, war 1974 eröffnet worden und galt in der Bevölkerung als kühler Betonklotz, der den historischen Kern der Stadt von seinem Umfeld abtrennte. Der Abriss im Jahr 2012 wurde von vielen Bürgerinnen und Bürgern mit Erleichterung aufgenommen.

35 Häuser, 15 Rekonstruktionen

Das Dom-Römer-Areal vereint zwei Bauprinzipien: 15 der 35 Häuser sind weitestgehend originalgetreue Rekonstruktionen historischer Fachwerkhäuser aus dem mittelalterlichen Frankfurt, darunter das Goldene Waage und das Haus Wilder Mann. Für diese Rekonstruktionen wurden historische Pläne, Gemälde und Fotografien ausgewertet, und handwerkliche Techniken kamen zum Einsatz, die in der modernen Baupraxis kaum noch geläufig sind. Die übrigen 20 Häuser sind Neubauten zeitgenössischer Architektur, die sich in Proportion, Material und Maßstab ins Ensemble einfügen, ohne historische Fassaden zu imitieren. Dieses Nebeneinander ist eine bewusste gestalterische Entscheidung: Es soll erkennbar bleiben, was original, was Rekonstruktion und was Neubau ist. Für das Goldene Waage, eines der prominentesten Häuser des Areals, wurden die Fassadenornamente nach historischen Kupferstichen detailgetreu nachgearbeitet. Insgesamt waren an den Rekonstruktionen zahlreiche Handwerksbetriebe beteiligt, die auf historische Bautechniken spezialisiert sind — darunter Zimmerer, die Fachwerkverbindungen nach überlieferten Methoden ohne Metallwinkel ausführten.

Eröffnung und Resonanz

Am 9. Mai 2018 öffnete das Viertel erstmals für Besucherinnen und Besucher. Beim offiziellen Altstadtfest im September 2018 strömten mehr als 250.000 Menschen in die Straßen. Das Projekt kostete rund 185,7 Millionen Euro und gilt heute als eines der größten städtischen Rekonstruktionsprojekte Deutschlands der Nachkriegsgeschichte. Die breite Begeisterung in der Bevölkerung überraschte selbst die Planenden: Die Neue Altstadt wurde nicht nur als Touristenattraktion wahrgenommen, sondern auch als emotionaler Anker für viele Frankfurterinnen und Frankfurter, die sich eine fußläufige, menschlich maßstäbliche Innenstadt zurückgewünscht hatten. In den Monaten nach der Eröffnung wurde das Quartier von Architektinnen und Stadtplanern aus ganz Europa besucht, die das Projekt als Referenzfall für zeitgenössische Rekonstruktionsdebatten studierten. Die Resonanz war dabei keineswegs nur positiv: Einige Fachkreise kritisierten die Rekonstruktion als nostalgische Flucht vor den eigentlichen Herausforderungen des Städtebaus.

Leben im Quartier

Die Neue Altstadt ist kein Freilichtmuseum — sie ist bewohntes Stadtgebiet. In den Obergeschossen der Häuser befinden sich rund 80 Wohnungen. Die Vergabe dieser Wohnungen war aufwendig: Die Stadt legte Wert darauf, dass die Bewohnerinnen und Bewohner das Quartier mit Leben füllen und nicht nur als Investitionsobjekt betrachten. Im Erdgeschoss haben sich Restaurants, Cafés, kleine Läden und ein Hotel angesiedelt. Das Viertel verbindet Tourismus und Alltagsleben auf knappem Raum, was ihm eine Lebendigkeit verleiht, die reine Tourismuslagen häufig vermissen lassen. Der Wohnungsmix war von Anfang an Teil des Konzepts: Die Mischung aus Eigentums- und Mietwohnungen sowie geförderten Wohneinheiten sollte verhindern, dass das Quartier zum exklusiven Luxussegment verkommt. In der Praxis zog das Viertel dennoch überwiegend einkommensstarke Haushalte an — eine Entwicklung, die im Stadtrat diskutiert wurde.

Architektur verstehen: Rekonstruktion und Neubau unterscheiden

Wer das Viertel nicht nur besichtigen, sondern verstehen möchte, sollte sich die Zeit nehmen, Rekonstruktion und Neubau bewusst zu vergleichen. Die rekonstruierten Fachwerkhäuser erkennt man an den charakteristischen Holzbalkenstrukturen, dem Schiefer und dem unregelmäßigen Fugenbild historischer Sandsteinelemente. Die Neubauten hingegen arbeiten mit zeitgenössischen Materialien, klaren Linien und modernen Fensterproportionen. Beide Typen stehen oft Wand an Wand — ein städtebauliches Experiment, das in dieser Konsequenz selten zu sehen ist. Eine gute Methode, den Unterschied zu erkunden, ist die kostenlose Selbstführung anhand der Hinweistafeln, die an jedem Haus angebracht sind und die Entstehungsgeschichte sowie die historischen Quellen für die jeweilige Fassade erläutern. Wer mehr Tiefe sucht, kann an einer der regelmäßig angebotenen Architekturführungen teilnehmen, die durch das Viertel geleitet werden.

Wo die Neue Altstadt am schönsten ist

Am beeindruckendsten erlebst du das Viertel in den frühen Morgenstunden oder nach Einbruch der Dunkelheit, wenn die Touristenströme etwas nachlassen. Besonders sehenswert sind die Gasse am Großen Engel mit ihren Fachwerkhäusern sowie der Ausblick vom Hühnermarkt auf den Dom. Eine kurze Führung hilft, den Unterschied zwischen Rekonstruktion und Neubau zu erkennen. Wer auf eigene Faust erkundet, findet an vielen Häusern kleine Tafeln, die Entstehungsgeschichte und historische Quellen erläutern. Am Abend, wenn die Beleuchtung der Fachwerkhäuser die Holzbalken warm in Szene setzt, bekommt das Quartier eine Atmosphäre, die tagsüber mit voller Besucherfrequenz schwerer zu erleben ist. Der Hühnermarkt im Zentrum des Areals ist der ruhigere, etwas verstecktere Platz — von hier aus öffnet sich ein direkter Blick auf den Domturm, der den Häusern als mächtiger Hintergrund dient.

  • Eröffnung Mai 2018, Altstadtfest September 2018 mit über 250.000 Besuchern
  • 35 Häuser auf ca. 7.000 Quadratmetern zwischen Dom und Römerberg
  • 15 originalgetreue Rekonstruktionen historischer Fachwerkhäuser, darunter Goldenes Waage und Haus Wilder Mann
  • Baukosten rund 185,7 Millionen Euro
  • Rund 80 Wohnungen in den Obergeschossen — bewohntes Stadtgebiet, kein Freilichtmuseum
  • Gastronomie, Shops und Hotel im Erdgeschoss

Häufige Fragen